Analogische Betrachtungen

retina 1aEs gibt bekanntlich Fotografen, die dieser Tätigkeit nicht erst seit Erfindung der Digitalkamera nachgehen, sondern sich noch gut an die Zeiten erinnern können, als man für ein Foto neben Kamera und Objektiv auch noch einen Film brauchte und dieser irgendwann entwickelt werden musste. Es war eine echte Geduldsprobe und vor allem sauteuer, soviel sei schon einmal verraten.

Und dabei war das analoge Zeitalter durchaus schon so fortschrittlich, dass man nicht, wie in der Anfangszeit der Knipserei, eine Zinnplatte mit Asphalt beschichten musste, um sie anschliessend mit Lavendelöl zu behandeln, damit man eine kopierfähige Vorlage bekam. Das hab ich mir übrigens nicht aus den Fingern gesaugt, das war im Jahr 1822 wirklich das ganz große Ding! Ich gehe davon aus, dass Fototaschen zu jener Zeit mit einem Ochsengespann zum Shooting transportiert wurden, denn weder Automobil (1886) noch Gabelstapler (Anfang 20. Jahrhundert) waren zu dem Zeitpunkt bereits erfunden. Ein Sport- und Actionfotograf hatte zudem kein leichtes Leben und musste wirklich extrem fix mit den Zinnplatten umgehen, wenn er eine Serie mit zwei oder mehr Bildern machen wollte.

Welch ein Segen war also die Erfindung des analogen Filmmaterials, das, in kleinen, blickdichten Blechdöschen verpackt, bis zu 36 Aufnahmen am Stück erlaubte. Selbstverständlich nur, sofern die Kamera das mitgemacht hat. Der elektrische Motorantrieb wurde nämlich erst 1957 zur Marktreife gebracht, bis dahin konnte man nur via manuellem Transporthebel die nächste Aufnahme vorbereiten. Dieses Prozedere hat allerdings eine Menge Geld gespart, denn wer ab Anfang der 80er Jahre beispielsweise an einer Nikon F3 mit angeflanschtem Motorantrieb versehentlich für sechs Sekunden den Auslöser niedergedrückt hat, der durfte im Anschluss direkt die nächste Filmpatrone einlegen. Durchschnittlicher Kostenpunkt für dieses relativ kurze Vergnügen: Zehn deutsche Mark. Entwicklung und Abzüge nicht inbegriffen.

Zugegeben, es hatte schon beinahe etwas Sinnliches, den Film aus der Plastikdose zu nehmen, das aus der Metallpatrone linsende Ende ein Stück heraus zu ziehen, dann in die Kamera einzulegen, den Deckel zu schliessen und bis zum ersten Bild vorzuspulen. Ratsch, Klick, Ratsch. Nicht zu vergessen das Zurückspulen, wenn alle 36 Bilder belichtet waren. Entriegelungsknöpfchen drücken und dann mit der kleinen Kurbel so lange drehen, bis kein Widerstand mehr zu spüren war. Deckel aufmachen, Filmpatrone rausnehmen und wieder in der Plastikdose versenken. Hach!

Weniger sinnlich, sondern eher nervig war das Warten auf die Ergebnisse. Lassen wir jetzt mal die „1-Stunde Fotoservice“-Dienstleistungen außer acht, die zwar an allen Ecken zu finden waren und für einen netten Preisaufschlag durchaus mindere Qualität geliefert haben, so durfte man locker mit zwei bis vier Tagen kalkulieren, bis der Film entwickelt war und professionelle Abzüge in der gewünschten Größe zur Verfügung standen. Nur um dann festzustellen, dass man offenbar vergessen hat, bei der Sucherkamera den Deckel vom Objektiv zu nehmen oder die Belichtungszeit auf einen brauchbaren Wert einzustellen.

Wer schneller zu dieser Erkenntnis kommen, und dabei keine qualitativen Einbußen in Kauf nehmen wollte (darüber darf man an dieser Stelle gerne mal kurz nachdenken!), der kam um ein eigenes Labor nicht herum. Um es kurz zu machen, man musste einen komplett abgedunkelten Raum zur Verfügung haben, eine rote Glühbirne anfackeln, jede Menge chemisches Zeugs bevorraten und es stank wie Sau. Mögliche Mitbewohner waren in der Regel „not amused“.

Da hat es der Digital-Fotograf schon deutlich einfacher. Sofortige Bildkontrolle und zum Preis von zehn Filmpatronen bekommt man ein Speicherkärtchen, auf dem ohne Probleme 2000+ Aufnahmen Platz finden und das hunderte Male wiederverwendet wird. Und nicht zuletzt die Tatsache, dass man die Filmempfindlichkeit bei jeder Aufnahme neu einstellen kann. Mit analogem Material war man für die nächsten 36 Bilder verheiratet, fremdgehen ausgeschlossen. Soviel zum Thema „Früher war alles besser!“

Wer das alles nicht miterlebt hat, weil spätberufen oder einfach zu jung, der könnte nun schon auf den Gedanken kommen, das auch einmal ausprobieren zu wollen. Und es spricht nichts dagegen. Gebrauchte analoge Kameras bekommt man für kleines Geld, Filme kann man nach wie vor käuflich erwerben und Entwicklung nebst Abzügen gibt es zwar nicht mehr an jeder Ecke, aber auch da finden sich noch einige Anbieter.

Man kann das Ganze aber auch prima simulieren. Dazu nimmt man seine digitale Kamera, stellt die Bildqualität von RAW auf JPG um, läd soviel beliebige Daten auf die Speicherkarte, dass noch Platz für knapp 40 Bilder im JPG-Format übrig bleibt. An der Stelle spendet man 10-15 € an eine gemeinnützige Organisation, soviel kostet heute ein analoger Film und es soll sich ja realistisch anfühlen. Das Geld muss also weg und warum nicht etwas Gutes damit tun!

Jetzt stellt man die ISO manuell auf einen gewünschten Wert, Traditionalisten verwenden ISO 100, 400 oder 1600. Anschliessend lässt man die Finger von diesem Knopf, klebt ein Stück schwarze Pappe über den Monitor der Kamera und fängt an zu fotografieren. Ist das Kärtchen voll, gibt es zwei Möglichkeiten weiter zu verfahren.

Echte Puristen fahren zu einem befreundeten Kollegen und bitten diesen ohne vorherige Betrachtung der Ergebnisse alle Bilder zu einem der vielen Online-Dienstleister hochzuladen und je einen Abzug in 10x15 oder 13x18 cm zu bestellen. Als kleine Aufwandsentschädigung bekommt er 5 €, was ungefähr den Entwicklungskosten entspricht, zuzüglich der Kosten für die Bilder. Danach wandert die Karte, ohne einen Blick auf den Inhalt zu werfen, in eine Schublade und darf nicht mehr hervorgeholt werden bis die Papierabzüge beim Kollegen abgeholt wurden. Selbstdisziplin ist hier das Stichwort! Undisziplinierte Menschen lassen sie direkt dort und holen sie erst mit den fertigen Bildern wieder ab.

Der Sparfuchs fährt die Karte zu einem Freund, der darauf vereidigt wird sie für mindestens zwei Tage nicht mehr heraus zu rücken. Dort holt er sie dann nach Ablauf des vereinbarten Zeitraums wieder ab und drückt dem Kumpel ebenfalls ein paar Euros in die Hand. Zu Hause angekommen steckt er das Kärtchen in den PC und betrachtet die Werke. Fertig. Hier werden immerhin Papier und Portokosten gespart.

ACHTUNG! In keinem der beiden Fälle werden die Bilder bei Facebook oder sonstwo veröffentlicht. Selbstverständlich dürfen die Papierabzüge im Bekanntenkreis gezeigt werden, und sofern es keine Ausdrucke gibt, verwendet man dafür eben ein Tablet. Um die sozialen Netzwerke doch damit zu belästigen ist nur ein Weg erlaubt: Ausdrucken, einscannen, posten. Wir wollen ja eine authentische Simulation erzeugen. Soweit, so gut.

Von einigen „Neu-Analogisten“ wird der Spieß allerdings komplett umgedreht, wofür ich bis zum heutigen Tag noch keine plausible Erklärung gefunden habe. Trotzdem wird das folgende Prozedere mit wachsender Begeisterung praktiziert.

Sie knipsen mit einer analogen Kamera auf analogem Film und schicken diesen dann in ein Analog-Labor, das den Film entwickelt und ohne den lästigen Umweg über Fotopapier direkt einscannt. Der Fotograf bekommt die digitalisierten Analogbilder zum Download und auf Wunsch können die Negative gleich an Ort und Stelle vernichtet werden. Das spart Rückporto und Lagerkosten. Und ja, auch an dieser Stelle darf man ein bisschen drüber nachdenken! Es sei denn, man besitzt keine Digitalkamera.

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